«Selbst protestieren kann ich heutzutage von der Couch aus.»

Um den steigenden Anforderungen heutiger Konsumenten gerecht zu werden, gilt es für Unternehmen, ihr Angebot immer einfacher, bequemer und flexibler zu gestalten. Convenience hat sich als Buzzword längst durchgesetzt und ist nicht nur im Food- Sektor relevant. Doch hat der Trend auch Schattenseiten? Wir möchten das Thema kritisch beleuchten und haben aus diesem Grund mit der Soziologieprofessorin Katja Rost der Universität Zürich gesprochen. Dabei wollten wir wissen, welche Begleiterscheinungen der Trend mit sich bringt und inwiefern Unternehmen in Verantwortung gezogen werden können.

Prof. Dr. Katja Rost ist Ordinaria für Soziologie und Privatdozentin für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Zürich.

Liebe Frau Rost, als Expertin in digitaler Soziologie: Ist Convenience ein neugeschaffenes Bedürfnis, das seinen Ursprung im digitalen Zeitalter hat?

Die Digitalisierung als Technologie war für die Bereitstellung der meisten Convenience-Dienstleistungen sicherlich ausschlaggebend. In Verbindung mit der gestiegenen Mobilität (Umzüge, Auslandsaufenthalte, Reisen, Pendeln), der ständig zunehmenden Komplexität des Alltags (Bürokratisierung) und der Erwerbsbeteiligung der Frauen auf den Arbeitsmärkten (keine Hausfrau mehr da, die sich um alles kümmert) schafft dies ein Bedürfnis nach Convenience. Es gibt sicherlich noch weitere gesellschaftliche Trends, die Convenience begünstigen, beispielsweise die wachsende Anzahl der Singlehaushalte.

Denken Sie, dass die Bevölkerung durch die zunehmende Vereinfachung fauler wird?

Im Bereich der Nahrungsmittel sieht man dies deutlich: Fertignahrungsmittel werden qualitativ immer besser und viele sehen deswegen gar nicht mehr ein, selbst zu kochen. Analoge Tendenzen sind auch in anderen Bereichen zu beobachten, beispielsweise sind wir es gar nicht mehr gewohnt, weite Wege zu gehen. Versicherungen, Banken, oft auch Verwaltungen ermöglichen den Zugang bequem von zu Hause.

Ich würde eher sagen, dass wir die Sachen in Unternehmen verlagern und erledigen lassen, die wenig Freude bereiten.

Selbst protestieren kann ich heutzutage von der Couch aus.  Wir werden also fauler in Bezug auf bestimmte Tätigkeiten, wie kochen, Behördengänge oder Pizza holen. Das heisst aber nicht, dass wir deswegen insgesamt fauler werden. Ich würde eher sagen, dass wir die Sachen in Unternehmen verlagern und erledigen lassen, die wenig Freude bereiten. Dafür haben wir mehr Zeit für Tätigkeiten übrig, die uns Spass machen, wie Sport, Ausflüge, Verreisen.

Gibt es auch problematische Begleiterscheinungen hinsichtlich der Entwicklung zu mehr Convenience?

Allgemein ist das zunächst eine wunderbare Sache, wenn man Dinge nicht mehr erledigen muss, auf die man keine Lust hat. Allerdings gibt es natürlich auch Schattenseiten:

Erstens machen wir uns von den Unternehmen immer mehr abhängig. Wenn das Unternehmen alles für uns erledigt, sind wir ohne diese Dienstleistungen oft aufgeschmissen. Unternehmen können hierdurch teilweise Preise festlegen, die wir ohne diese Abhängigkeit für die Produkte nie zahlen würden.

Zweitens führt der Convenience-Trend in den meisten Unternehmen zum Abbau von Arbeitsplätzen; gerade der persönliche Service wird abgeschafft und durch Automatisierung ersetzt (Beispiel Selbstscanner-Kassen).

Unternehmen sammeln immer mehr – auch sehr persönliche – Daten von Personen, um deren Bedürfnisse optimal zu kennen. Das ist für eine demokratische Gesellschaft bedenklich.

Drittens trägt der Convenience-Trend auch massgeblich zur Umweltverschmutzung bei. Gerade im Bereich der Nahrungsmittelindustrie oder des Online-Versandes werden Tonnen an (Plastik-)Verpackung und Müll produziert.

Viertens entstehen durch Convenience Monopole. Im Markt sind diejenigen erfolgreich, die möglichst alles aus einer Hand anbieten können. Kleine Unternehmen sind hier meist nicht mehr wettbewerbsfähig.

Fünftens bedroht der Trend die Privatheit von Personen. Unternehmen sammeln immer mehr – auch sehr persönliche – Daten von Personen, um deren Bedürfnisse optimal zu kennen. Das ist für eine demokratische Gesellschaft bedenklich. Dieses Wissen kann schnell von den Unternehmen ausgenutzt werden. Beispiele dazu gab es in letzter Zeit genügend (z.B. Wahlbeeinflussung Cambridge Analytica, Facebook-Experiment Wahlen in Island).

Haben Ihrer Meinung nach Unternehmen diesbezüglich Verantwortung zu übernehmen?

Ja.

Umwelt ist ein klassisches Kollektivgut – keiner will dazu beitragen, alle profitieren. Insofern müssen Unternehmen hier beitragen – wenn es nicht anders geht auch unter staatlichem Zwang. Ich denke aber, dass auf Konsumentenseite mittlerweile ein grosses Problembewusstsein besteht. Viele Konsumenten würden zu dem Anbieter wechseln, der statt Verpackungsmüll zu produzieren, wiederverwendbare Behälter verwendet. Insofern gibt es womöglich auch Potenzial für neue Marktlösungen.

Umwelt ist ein klassisches Kollektivgut – keiner will dazu beitragen, alle profitieren. Insofern müssen Unternehmen hier beitragen – wenn es nicht anders geht auch unter staatlichem Zwang.

Zudem stellt sich auch die Frage, wie stark Unternehmen Kunden von sich abhängig machen und wie viele Daten sie über ihre Kunden sammeln dürfen. Hier werden die Unternehmen selbst wahrscheinlich keine tragfähige Antwort finden können und es müssen staatliche Lösungen her.

Wie probieren Sie persönlich, Ihren Alltag zu entkomplizieren?

Ich nutze etliche «Convenience»-Dienstleistungen: Ich kaufe Fahrkarten nur noch online, bestelle Anziehsachen – insbesondere Kinderanziehsachen – online und mache Online-Banking. Was ich allerdings weniger nutze sind Fertiglebensmittel oder Lebensmittellieferdienste. Das ist mir zu viel Verpackung, oft ungesund und teuer. Zudem macht mir Lebensmittel einkaufen und kochen Spass.

 

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