Geschäftsmodelle im Internet of Things – digital zerstört oder verstört?

Eike Drewes PROGNOST Systems
Jost-Andreas Anderhub PROGNOST Systems

„Was bedeutet die Digitalisierung für mein Unternehmen?“ Momentan eine der am häufigsten gestellten Fragen. Jeder sucht darauf eine schnelle und einfache Antwort, die es bei einem solch komplexen Thema aber nicht geben kann, dafür sind Geschäftsfelder und Kunden zu unterschiedlich. Damit geht oft die Sorge einher, ob Mitbewerber oder gar Neueinsteiger durch das Internet der Dinge oder die Industrie 4.0 das eigene Business zerstören und auf komplett neue Beine stellen. Nachdem die erste Welle der Digitalisierung die produzierenden Industrien erfasst und zum Umdenken aufgefordert hat, werden nun auch Servicekonzepte in Frage gestellt. Dabei müssen neben dem richtigen Geschäftsmodell auch Fragen der IT-Sicherheit beachtet werden, damit die neuen Servicemodelle nicht an der Firewall des Kunden scheitern.

Messbare Vorteile für Hersteller und Anwender

Die Digitalisierung bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten, um neue oder verbesserte Dienstleistungen besonders effizient auszuführen. Viele Themen und Schlagworte, die im Umfeld des Internet of Things verwendet werden, sind auch für „Smart Services“ zutreffend. Die Vernetzung von Maschinen oder die Auswertung von „Big Data“ sowohl in Produktion als auch Service bieten Ansätze für messbare Vorteile für Hersteller und Anwender.

Ein Beispiel: Ein Beispiel: Die Vernetzung von Produktionsmaschinen untereinander kann recht problemlos auch um eine Verbindung zum Maschinenhersteller (OEM) als Wartungsdienstleister erweitert werden. Beinahe jede Maschine wird heute digital gesteuert und oftmals sind heute die programmierten Steuerungen den maschinenbaulichen Entwicklungen voraus. Die daraus resultierende Komplexität erfordert heute Spezialisten in der Wartung und Instandhaltung und bringt das Wartungspersonal des Betreibers an  Grenzen. Immer weniger Personal muss bei steigender Komplexität eine steigende Anzahl von Maschinen warten. Dabei ist Unterstützung durch Experten von außen wie Hersteller (OEM) oder Wartungsservice willkommen, um frühzeitig Störungen festzustellen. Während in einer globalisierten Welt traditionell die wenigen technischen Experten ihre teure und rare Zeit im Flugzeug irgendwo auf dem Weg zum Kunden verbringen, besteht durch moderne Fernwartungs- und Diagnosesystem die Möglichkeit, aus einem zentralen Standort heraus das Expertenwissen für technisch anspruchsvolle Kundenfragen schon im 1st Level Support beantworten zu können. Mögliche Abhilfemaßnahmen für Störungen können an einem digitalen Modell der jeweiligen Maschine verifiziert werden und Wartungsmaßnahmen können durch Virtual Reality auch unerfahreneren Mechanikern trainiert werden. So sieht an vielen Orten bereits heute die Realität im technischen Support aus.

IT-Sicherheit: der erfolgskritische Faktor

Trotz aller Euphorie und Technikfreude darf nicht übersehen werden, dass bei weitem nicht alle Unternehmen willens sind, ihre Produktionsprozesse transparent zu machen oder Prozessdaten in einer OEM-Datenwolke bereitzustellen. IT-Sicherheit ist der erfolgskritische Faktor für die erfolgreiche Implementierung von Digital Services in einem größeren oder globalen Maßstab. Unterschiede gibt es dabei vor allem zwischen B2C- und B2B- Geschäft.

„Während der private Konsument nur sich selbst verpflichtet ist, muss der Geschäftskunde die Regeln des Unternehmens beachten.“

Während der private Konsument nur sich selbst verpflichtet ist, muss der Geschäftskunde die Regeln des Unternehmens beachten (Compliance). Das führt dazu, dass Daten, die der private Konsument eher sorglos preisgibt, nicht verfügbar gemacht werden können. So kann beispielsweise der private Kunde seine 20 Jahre alte Heizung zu Hause aus allen Winkeln fotografieren und so online Ersatz im Netz suchen. Der Betreiber einer chemischen Anlage kann aus Gründen des Know-how Schutzes empfindliche Daten nicht einfach in die Cloud stellen.

Im Rahmen eines internationalen Seminars des VDI  (Verein Deutscher Ingenieure) im Sommer 2017 zum Thema „Networking Pumps“ wurden Konzepte und deren Umsetzungen von sich selbststeuernden Pumpen-Netzwerken präsentiert, ebenso die nachgelagerten Cloud-basierten Serviceangebote. Auf Nachfrage wurde die Akzeptanz dieser IT-Architektur als „sehr gering“ bis „leider noch nicht vorhanden“ bestätigt. Hier müssen OEMs und Serviceprovider noch sehr viel Aufklärungsarbeit leisten, hochsichere IT-Architekturen entwickeln und Vertrauen auf der Anwenderseite aufbauen.

Abbildung 1: Aus Gründen des Know-how Schutzes können empfindliche Daten nicht einfach in die Cloud gestellt werden.

Neue Risiken

Die Digitalisierung zieht nicht nur neue Geschäftsmodelle für Dienstleistungen nach sich, sondern auch neue Risiken wie z.B. Viren, Trojaner und Phishing. Immer mehr ausgeklügelte Sicherheitsmaßnahmen sind erforderlich, um einen sicheren Zugang zu Maschinensteuerungen und Überwachungsdaten zu gewährleisten. Wer möchte schon sein Kraftwerk oder seine Produktionsanlage durch einen Lösegeldvirus stillgelegt bekommen.

„Wer möchte schon sein Kraftwerk oder Produktionsanlage durch einen Lösegeldvirus stillgelegt bekommen?“

Wohl und Wehe liegen dabei eng nebeneinander, denn die enge digitale Netzwerkverbindung aller Systeme bietet potentiellen Angreifern viel Angriffspotential. Immer mehr Firmen „schliessen die Tore“ und erlauben daher keinen oder nur noch einen rudimentären Zugang für Dienstleister. Wie viel Digitalisierung bei Geschäftskunden möglich ist, entscheiden heute oft die IT Sicherheitsrichtlinien bzw. der Chief Information Officer (CIO) und nicht der Vorstandschef.

„Unzureichende IT-Sicherheit, daran scheitern vor allem im B2B-Bereich viele geniale Ideen und Produktentwickler.“

Welches fürsprechende Argument soll die Geschäftsführung  einbringen, wenn es von der IT als unsicher im Bereich Cybersecurity gilt? Daran scheitern vor allem im B2B-Bereich viele geniale Ideen und Produktentwickler. Neben den Entwicklungsspezialisten braucht es somit oftmals auch einen guten Cybersecurity-Fachmann, wenn die Digitalisierung beim Kunden auch ankommen soll.

Was bedeuten diese Rahmenbedingungen für ein mittelständisches, global agierendes Unternehmen wie PROGNOST Systems?

Wie nutzt ein Technologie-getriebenes Unternehmen die neuen Chancen und findet überzeugende Antworten für die Risiken? Für uns ergeben sich aus der Digitalisierung Möglichkeiten, neue Serviceangebote zu definieren und die Unternehmensprozesse und Arbeitswelt weiter zu entwickeln. Schon heute nutzen 90% unserer Kunden die Möglichkeit, dass PROGNOST Systems-Experten über sichere Fernzugänge auf die Daten des Kundensystems zugreifen und für sie Zustandsberichte analysieren. Aber auch hier ist mit jedem Kunden viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit zu leisten, da ein Fernzugriff von außen auf Überwachungsdaten von Maschinen sehr häufig gegen die IT-Sicherheitsrichtlinien der Betreiberfirmen verstößt. Die Weiterleitung von Alarmen an unsere Anwender im Fall einer Maschinenstörung findet seit vielen Jahren bereits auf allen verfügbaren Kommunikationskanälen statt: SMS, Fax oder E-Mail. Seit diesem Jahr werden Maschinen-Zustandsinformationen den Anwendern in einer PROGNOST®-App  bereitgestellt. Hier wurde keine Cloud-Lösung etabliert, sondern in jedem Überwachungssystem ein Webserver implementiert, der die Informationen bereitstellt.

Abbildung 2: Die Digitalisierung bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten, um neue oder verbesserte Dienstleistungen besonders effizient auszuführen.

Dezentrales Arbeiten dank der Digitalisierung

Für die Arbeitnehmer unseres Unternehmens bedeutet die weltweite Verfügbarkeit von, mehr oder weniger, breitbandiger Internetverbindungen die Möglichkeit dezentralen Arbeitens. Das Home Office mit Echtzeitverbindung zu den Unternehmensservern ist ebenso eine Selbstverständlichkeit wie Skype-Meetings mit unseren Monteuren vor Ort, die Unterstützung aus Rheine benötigen. Unsere Kunden und weltweiten Vertriebspartner werden mit regelmäßigen Webinaren auf dem aktuellen Stand gehalten oder werden im PROGNOST®-Campus regelmäßig online geschult. Von der Sicherheitsunterweisung bis zur technischen Anwenderschulung werden nachvollziehbar Kenntnisse vermittelt und deren Verständnis nachhaltig geprüft.

Von alldem und kurzzeitigen Rückschlägen sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn der mögliche Gewinn steht in jedem Fall in einem guten Verhältnis zum Aufwand.

 

PROGNOST Systems GmbH ist ein Unternehmen der Automatisierungsbranche. Wir entwickeln und produzieren an zwei Standorten in Deutschland und USA intelligente Systeme zur kontinuierlichen Überwachung von Prozessmaschinen wie Kolbenverdichter, Turbokompressoren oder Pumpen. Unsere Kunden sind weltweit tätige Unternehmen der Öl, Gas und petrochemischen Industrie. Technologien und Services von PROGNOST Systems ermöglichen Anlagenbetreibern weltweit den sicheren und effizienten Betrieb ihrer Produktionsanlagen.

Autoren

Eike

Dipl. Ing. Eike Drewes

Eike Drewes ist Geschäftsführer der PROGNOST Systems GmbH, ein Unternehmen der Automatisierungsbranche, das intelligente Systeme zur kontinuierlichen Überwachung von Prozessmaschinen wie Kolbenverdichter, Turbokompressoren oder Pumpen produziert.

Jost-Andreas

Jost-Andreas Anderhub

Jost-Andreas Anderhub ist Leiter Marketing bei PROGNOST Systems GmbH.

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